Zum Inhalt springen

Romano zeigt seinen „Körper“ im Beatpol Dresden.

Gute Künstler:innen brin­gen mich nicht nur zum Nach­den­ken, son­dern auch zum Schmun­zeln. Einer dieser in der deut­schen Musik­land­schaft raren Exem­pla­re ist der Ber­li­ner Tau­send­sas­sa Romano. Bereits vor zehn Jahren besuch­te ich voller Begeis­te­rung sein Kon­zert im Atomi­no in Chem­nitz. Am 06. März 2026 machte er nun im Beat­pol Dres­den mit seinem neuen Album „Körper“ Sta­ti­on. Blieb er sich dabei seiner extra­va­gan­ten Linie treu?

Halbironische Texte und einzigartige Melodien schenken eine gehörige Portion Eskapismus

Rein optisch betrach­tet hat sich Roman Geike, wie er mit bür­ger­li­chem Namen heißt, nicht ver­än­dert: Mit zwei langen gefloch­te­nen Zöpfen, schma­len Lippen, kalt­blau­en Augen und abste­hen­den Ohren gehört er zu den mar­kan­tes­ten Kunst­fi­gu­ren, welche die Bun­des­re­pu­blik in den letz­ten Deka­den her­vor­ge­bracht hat. In seinem neuen Album „Körper“ nimmt er sich den ein­zel­nen Kör­per­tei­len in beson­de­rem Maße an.

Mit Wort­witz und Zwei­deu­tig­keit eröff­net „Zunge“ nicht nur den Ton­trä­ger, son­dern zu meiner Über­ra­schung auch die aktu­el­le Kon­zert­rei­he. Ein über­di­men­sio­na­les Geschmacks­or­gan erstreckt sich über die Bühne, wäh­rend Romano im roten Mantel zwi­schen zwei begren­zen­den Spie­geln hin und her tän­zelt. Eine deko­ra­ti­ve Karte mit den Bestand­tei­len des mensch­li­chen Kör­pers ergänzt das mini­ma­lis­ti­sche Büh­nen­bild. Noch ist die Stim­mung ver­hal­ten. So rich­tig warm werden die etwa 400 Zuschau­en­den beim Song „Fuß des Tab­a­na­ka“, wäh­rend dem Romano einen über­di­men­sio­na­len, 3D-gedruck­ten Fuß in die Menge hält. Wäh­rend­des­sen laufen Bass­gi­tar­re (gespielt von Adrian Dehn) und Syn­the­si­zer (gespielt von Moritz Fried­rich) gegen­ein­an­der unauf­halt­sam auf und ab.

Naht­los besingt Romano in „Ohren“ gewohnt fan­ta­sie­voll die Ent­wick­lung eines Ohren­se­krets zum Lebe­we­sen. Es folgen aber auch gern gehör­te Klas­si­ker wie „Heiß Heiß Baby“, „Metal­kut­te“ oder „Anwalt“, bei dem er den direk­ten Kon­takt mit den Fans sucht. Das kommt an. Die Stim­mung erreicht lang­sam aber sicher ihren Höhe­punkt. Spä­tes­tens als Romano „Klaps auf den Po“ anstimmt, kennt die Menge kein Halten mehr. Kein Wunder ent­wi­ckel­te sich der rhyth­mi­sche Track vor zehn Jahren doch zu einem klei­nen Phänomen.

Kapitalismus- und Kriegskritik erntet viel Applaus

Dazwi­schen stimmt der Künst­ler aus Köpe­nick aber auch ruhi­ge­re Töne an. Bal­la­den wie „Ver­sailles“ oder „Karl May“ erzeu­gen Feu­er­zeug-Atmo­sphä­re. Es dauert nicht lang und ein Groß­teil erleuch­tet mit sel­bi­gen oder dem Smart­phone den Raum. Aber auch ein Romano kann nicht ohne gesell­schafts­kri­ti­sche Titel. In „Brenn die Bank ab“ aus 2015 greift er den Kapi­ta­lis­mus an und bemän­gelt die Dis­kre­panz zwi­schen Arm und Reich. Das Publi­kum pflich­tet bei und stimmt laut­stark ein.

Neu ist die Kriegs­kri­tik wie im aktu­el­len Song „Beine“. Darin bespricht Romano die Glied­ma­ßen nicht ana­to­misch, son­dern als Werk­zeug im Boden­krieg. Volks­tüm­li­che Melo­dien bauen die Brücke zum Gemein­schafts­geist einer Armee. Viel­leicht ist der bass­las­ti­ge Song wegen Text­zei­len wie „Der erste Cyborg im Aus­lands­ein­satz läuft blind­links durch die Wala­chei, ‘ne Stand­by-Funk­ti­on war nicht dabei“ oder „Hirn und Herz, die braucht es nicht. Nur ‘ne App zum Navi­gie­ren und zwei Beine, die mar­schie­ren“ mein Favo­rit auf dem neuen Album.

Ein Bad des „schönen General“ in der Menge

Dass Romano den Kon­takt mit den Fans nicht scheut, zeigen Aus­flü­ge bei „Anwalt“, „Klaps auf dem Po“ oder „Der schöne Gene­ral“. Er lässt das Mikro­fon durch das Publi­kum wan­dern und führt aus­ge­las­se­ne Freu­den­tän­ze auf. Nicht zuletzt auch des­halb, weil sich eine Viel­zahl der Zuhö­ren­den die Romano-typi­schen gefloch­te­ne Zöpfe ange­fer­tigt haben. Eine beson­de­re Geste die Sym­pa­thien zum extra­va­gan­ten, aber über­aus boden­stän­di­gen Künst­ler zu teilen. Nach dem 90-minü­ti­gen Kon­zert dauert es näm­lich nicht lange bis er am Mer­chan­di­se-Stand für ein Getränk, Auto­gramm oder Foto bereit steht.

Diese Fan­nä­he kommt über­aus gut an. Dut­zen­de nutzen im Beat­pol die Chance einige Worte zu wech­seln und den ein oder ande­ren Sekt auf die erste Tour­hälf­te zu trin­ken. Denn ein Besuch lohnt sich alle­mal. Vor allem in der aktu­el­len Zeit stellt die unkon­ven­tio­nel­le Art Roma­nos, aber auch die eigen­sin­ni­ge Konept-Pop­mu­sik eine will­kom­me­ne Abwechs­lung dar. Für Geist und Körper.


Entdecke mehr von Jonas’ Blog

Melde dich für ein Abon­ne­ment an, um die neu­es­ten Bei­trä­ge per E‑Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen