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Balbina „Über das Grübeln“.

Es kommt sel­ten vor, dass ich Musi­kal­ben vier­mal am Stück durch­hö­re. Die Ber­li­ne­rin Bal­bi­na hat es mit ihrem aktu­el­len Release „Über das Grü­beln“ geschafft und genau aus die­sem Grund gibt es heu­te eine Pre­mie­re: mein ers­tes Album-Review. Lasst euch also ent­füh­ren in eine fan­tas­ti­sche Welt der Selbst­re­fle­xi­on und geis­ti­gen Tie­fe.

Bal­bi­na Moni­ka Jagiels­ka, wie die Künst­le­rin mit bür­ger­li­chen Namen heißt, wur­de am 13. Mai 1983 in War­schau gebo­ren. Laut Wiki­pe­dia begann sie bereits in der Grund­schu­le eige­ne Gedich­te und Lie­der zu schrei­ben und gemein­sam mit Mit­schü­lern Thea­ter­stü­cke zu insze­nie­ren. In den 1990er Jah­ren kam der Kon­takt zur Ber­li­ner Hip-Hop- und Rap-Sze­ne zustan­de. Mit Biztram, einen Ver­tre­ter der Sze­ne, nahm Bal­bi­na im Jah­re 2011 ihre ers­te Plat­te „Bina“ auf. Es folg­ten Auf­trit­te in klei­nen Clubs und Tour­ne­en unter ande­ren mit den Atzen oder auch Prinz Pi. Die­se Zei­ten sind vor­bei, auch wenn es im aktu­el­len Album den ein oder ande­ren Gast­auf­tritt gibt. Dazu aber spä­ter mehr. Seit 2014 wird sie musi­ka­lisch von Nico­las Rebscher (Gitar­re, Bass, Kla­vier), Tobi­as Rebscher (Gitar­re) und Chris­ti­an Vin­ne (Schlag­zeug) beglei­tet.

BalbinaIm Intro sind die Musi­ker direkt zu hören. Wie die vie­len ver­schie­de­nen Stim­men im Kopf mur­meln die Band­mit­glie­der mehr­mals den Satz „Bal­bi­na denkt nach über das Grü­beln“. Eine etwas ande­re, aber fet­zi­ge Idee, um in ein 12 Songs umfas­sen­des Album ein­zu­lei­ten. Im ers­ten Song „Blu­men­topf“ dreht sich alles um das Grü­beln an sich. Dass wir uns Tag für Tag den Kopf zer­bre­chen „wie ein Blu­men­topf, der vom Bal­kon fällt“. Und dass wir oft nicht abschal­ten kön­nen, unse­re umfas­sen­den Gedan­ken den All­tag bestim­men.

Wei­ter geht’s mit dem phi­lo­so­phi­schen Titel „Das Ist, die Zeit ist ein Ego­ist“. Inhalt des Songs ist die Schnell­le­big­keit und das Ver­ge­hen der Zeit. Wir ren­nen ihr hin­ter­her, set­zen Prio­ri­tä­ten falsch. „Jetzt! Fängt das Jetzt an! Nein! Jetzt! Du lie­be Zeit, war­te doch ein­fach! Den Augen­blick kriegt doch kei­ner mit, außer du viel­leicht!“ Anschlie­ßend folgt der Titel „Oro­pax“. Dar­in geht es um das Grund­rau­schen im Kopf und dass nicht ein­mal Oro­pax gegen die schwir­ren­den Gedan­ken hel­fen. „Unter der Schä­del­de­cke wer­keln Pro­ble­me an neu­en Pro­jek­ten. Und machen den Lärm, wie ätzend!“ Wer kennt es nicht, dass das eige­ne Hirn abends am aktivs­ten wird.

Der fünf­te Song trägt den Namen „Nichts­tun“. Dar­in geht es um das genaue Gegen­teil zu Titel Num­mer drei: Lan­ge­wei­le, Zeit­lu­pen­at­mo­sphä­re, Antriebs­lo­sig­keit. Bal­bi­na besingt, dass Nichts­tun auch kei­ne Lösung ist: „Ich stau­be hier nur ein wie ein Stoff­tier auf einem Regal“. Es folgt der selbst­re­flek­tie­ren­de Song „Gold­fisch“. The­ma ist die eige­ne Ver­gess­lich­keit und der Ver­gleich mit dem Gold­fisch. Mit dem Unter­schied, dass der klei­ne Mee­res­be­woh­ner im Licht glänzt. Auch das Ein­an­der-Zuhö­ren wird the­ma­ti­siert: „Das meis­te, was was aus­macht, sieb ich aus. Wie fei­nen Sand am Strand und dann hör ich dem Meer zu, ich hör nicht mehr zu.“

Der nächs­te Song „Hut ab!“ ist ein Duett mit Jus­tus Jonas, das eini­ge Hip-Hop-Anlei­hen besitzt. Es geht um die Selb­st­op­ti­mie­rung und dass wir nur wenig Lob erhal­ten, oft gar schlech­tes Feed­back erhal­ten. „Du bist gut! Hut ab! im Schlecht­sein.“ Sol­che Sät­ze nagen am Selbst­be­wusst­sein: „Das hier nagt an mir, nagt mir das letz­te Stück Selbst­ach­tung ab. Stück für Stück knab­bert es mich ab. Und kein Krü­mel bleibt übrig.“ Es folgt der Titel „Mir fällt nix ein“, der gemein­sam mit Tris­tan Brusch auf­ge­nom­men wur­de. In Jahr­markt-Manier eröff­net der Song und han­delt über den lee­ren Kopf, und die fol­gen­de eige­ne Bedeu­tungs­lo­sig­keit. „Was bedeu­te ich, wenn ich nichts schrei­be. Was von Bedeu­tung ist? Dann bedeu­te ich nichts.“

Maeckes von den „Orsons“ wirk­te beim nach­fol­gen­den Song „Tisch“ mit. The­ma ist die eige­ne Ent­schei­dungs­lo­sig­keit: „Ich weiß nicht, was ich will!“ Wie ein Tisch ste­hen wir des öfte­ren zwi­schen den Stüh­len. Mit Ver­glei­chen wie „Som­mer oder Win­ter? Groß­sein oder Kind­sein? Raus­ge­hen oder drin­blei­ben?“ ver­deut­licht Bal­bi­na das Dilem­ma. Wich­ti­ge Erkennt­nis: Maeckes fällt Ent­schei­dun­gen am liebs­ten im Wald mit der Motor­sä­ge.

Ein Song, der bereits im Vor­feld als Sin­gle erschie­nen ist, ist „Kuckuck“. In die­sem Titel geht es um das Ver­ste­cken hin­ter unse­rer Fas­sa­de, also unse­rer Klei­dung. Wir legen zu viel auf unser äuße­res Erschei­nungs­bild: „Unter den gan­zen Lagen, lagert da was drun­ter? Oder lagen dar­un­ter, nur ande­re Lagen - Kuckuck, ist da jemand da?“ Fein­sin­nig übt Bal­bi­na hier auch etwas Gesell­schafts­kri­tik. Es folgt der selbst­re­flek­tie­ren­de Titel „Wecker“. Inhalt ist das ‚Ver­schla­fen‘ von wich­ti­ger Lebens­zeit. „Oh Nein, der Wecker war zu lei­se. Und jetzt hab ich, lei­der Jah­re ver­schla­fen. Ich bin doch von ges­tern, wo sind mei­ne Eltern.“ Mei­ner Mei­nung nach einer der schwä­che­ren Titel.

Das macht jedoch der nächs­te Titel wett. „Lang­sam lang­sa­mer“ - mein Lieb­lings­song auf dem Album. Mit kecken Wort­spie­len kri­ti­siert Bal­bi­na das schnel­le Leben und den Selb­st­op­ti­mie­rungs­wahn. Schlecht gesetz­te Prio­ri­tä­ten las­sen uns das ech­te Leben ver­pas­sen. Eigent­lich könn­te ich hier den kom­plet­ten Song­text ein­fü­gen, bei­spiel­haft aber die ers­te Stro­phe: „Drin­gen­de Din­ge - Din­ge die drin­gend sind machen sich wich­tig, obwohl sie nicht wich­tig sind. Was drin­gend ist, ist lan­ge noch nicht wich­tig. Flink flink, wie der Blitz, ich sprin­te mit, allem mit. Mit Antrieb, was treibt uns an, was treibt uns an den Rand des Schlapp­seins, lang­sam mach ich schlapp. Zügig macht müde.“

Abge­schlos­sen wird der musi­ka­li­sche Teil vom inhalt­lich nur mit­tel­mä­ßi­gen Song „Dicke Luft“.  Dar­in geht es um das bild­li­che Ein­ge­sperrt­sein in den eige­nen vier Wän­den. Dass wir aus unse­rer Kom­fort­zo­ne aus­bre­chen und neu­en Wind in unser Leben brin­gen. Eine kur­zes Outro been­det die Track­list.

In der Pres­se hat das Gesamt­werk aller­hand posi­ti­ve Reso­nanz erhal­ten und dem kann ich nur zustim­men. Mit ihrer Sprach­ge­wand­heit ist Bal­bi­na die der­zeit tolls­te deut­sche Pop-Künst­le­rin. Ihre unver­kenn­ba­re Stim­me gepaart mit melo­di­schen Klä­gen machen jeden Song zu einem ech­ten Genuss. Bei jedem Hören gibt es Neu­es zu ent­de­cken. Auch der ästhe­ti­sche Anspruch an Klei­dung und Video­kom­po­si­ti­on gefällt. Das Gesamt­kunst­werk Bal­bi­na funk­tio­niert.

Scha­de, dass zur­zeit kei­ne eige­ne Tour geplant ist. Wer Bal­bi­na trotz­dem live erle­ben will, kann dies am 12. Mai in der Chem­nit­zer Are­na zum Auf­takt der „Dau­ernd Jetzt“-Tour von Her­bert Grö­ne­mey­er tun. Sie ist der offi­zi­el­le Tour-Sup­port. Also nichts wie hin! Wer das nicht schafft, darf sich zumin­dest das Album gön­nen*. Bei Spo­ti­fy kann es auch gestreamt wer­den. Ich hof­fe Euch macht das Hören so viel Freu­de wie mir.


*Part­ner­link

Fotos: Bal­bi­na

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