Das Elsass ist bekannt für seine historischen Ortschaften. Die wohl bekannteste ist Colmar, die Hauptstadt der elsässischen Weine. Bei einem Straßburg-Besuch ist ein Tagestrip in das romantischen Städtchen Pflicht. Oder doch nicht? Wir haben uns auf den Weg begeben.
Mit dem Zug in 30 Minuten ans Ziel
Unser Ausflug beginnt am Straßburger Hauptbahnhof, der vom Berliner Architekten Johann Eduard Jacobsthal entworfen und im Jahr 1883 eingeweiht wurde. Wie ein transparenter Kokon umschließt seit 2007 eine gläserne Empfangshalle die Buntsandsteinfassade. Im Inneren herrscht an diesem Mittwochvormittag geschäftiges Treiben. Reisende wuseln zwischen Imbissen und Gleisen. Am Automaten erwerben wir für die Fahrt nach Colmar zwei Tickets zu je 15,70 Euro. Für den Regionalverkehr eine stattliche Summe. Aber dafür deutlich entspannter als mit dem Auto.
Nicht einmal fünf Minuten vor Abfahrt erreichen wir das Gleis und lassen uns auf einer der weich gepolsterten Bänke nieder. An diesem Vormittag ist der Regionalexpress in Richtung Basel fast leer. Nur vereinzelt sind Plätze besetzt. Pünktlich setzt sich der Zug um 10.21 Uhr in Bewegung. Schon bald lassen wir das dicht bebaute Straßburger Stadtgebiet hinter uns und erreichen die weitläufige Oberrheinebene.
Bei mehr als 200 Kilometer pro Stunde schweifen unsere Augen umher. Sie erblicken zahllose Mais- und Getreidefelder. Am Horizont erheben sich die Vogesen mit ihren weitläufigen Weinbergen und beschaulichen Burgen. Majestätisch ragt unweit von Sélestat das Château du Haut-Kœnigsbourg empor. Nach kurzweiligen 30 Minuten erreichen wir den Zentralbahnhof von Colmar. Bei strahlend blauem Himmel machen wir uns zu Fuß auf den Weg in das belebte Stadtzentrum.
Auf Entdeckungstour durch eine 1.200 Jahre alte Stadt
Entlang der Avenue de la République vorbei am Parc du Champ-de-Mars erreichen wir nach 15 Minuten das Tourismuszentrum, an dem ein sechs Kilometer langer Rundweg durch die Altstadt beginnt. Goldene Dreiecke, im Kopfsteinpflaster eingesetzt, geben die Richtung vor. Eines der ältesten Bauwerke, das wir gleich zu Beginn passieren, ist die Stiftskirche St. Martin. Nach der Grundsteinlegung 1235 sollte es über 100 Jahre dauern bis die gotische Kathedrale in ihrer vollen Pracht erstrahlte. Wie auch beim Straßburger Münster wurde nur einer der beiden Kirchtürme vollendet.
Vorbei am Rathaus, durch schmale Gassen mit noch schmäleren Lädchen tauchen wir immer weiter in die Altstadt ein. Unweit des Schwendi Brunnens erblicken wir das alte Kaufhaus. Ab 1480 stellte es das wirtschaftliche und politische Zentrum der Stadt dar. Jahrhundertelang beherbergte das Erdgeschoss ein Zollamt, aber auch einen Markt und ein Lager. Damit ist das historische Gebäude ein Zeugnis der Handelsaktivität einer Stadt am Kreuzungspunkt der Straßen von Italien nach Flandern und von der Donau bis in die Champagne.
Der frühere Reichtum lässt sich unter anderem am Pfisterhaus in der Rue de Marchands, der Kaufmannstraße, erkennen. 1537 wurde es im Auftrag des Hutmachers Ludwig Scherer erbaut, der sein Vermögen mit dem Handel von Silber aus dem Val de Lièpvre erlangte. Mit seinem Eckerker, der Holzgalerie, dem achteckigen Türmchen und dem Mauerband, das biblische und weltliche Szenen zeigt, wurde das Pfisterhaus eines der Symbole des alten Colmars. Seinen Namen verdankt es der Familie, die das Haus zwischen 1841 und 1892 bewohnte.
Mittagspause auf französisch in der Markthalle
Wir erreichen das pittoreske Gerberviertel, das nicht nur mit den fotogenen Fachwerkhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu beeindrucken weiß. Zahllose Fenster sind mit den Elsässer Herzen und Störchen geschmückt. Da es keine Fundamente oder Keller gibt, stehen die Gebäude auf steinernen Grundplatten. Am Ende der Straße lugt die Markthalle hervor. Anfang der 2000er-Jahre restauriert, bieten seit September 2010 hier 20 Händler ihre Ware feil. Im Inneren angekommen, steigt eine Melange verschiedener Düfte in unsere Nasen auf. Von Obst und Gemüse über Käse, Wurst und Fisch bis hin zu Back- und Konditoreiwaren ist hier für jeden Geschmack etwas dabei.
In der Mittagszeit empfiehlt sich eine Pause an einem der Imbissstände mit lokalen Spezialitäten. Kleine Menüs gibt es hier bereits für wenige Euro. Wir entscheiden uns für ein Stück Quiche mit Spinat und Lachs. Eine, vielleicht sogar die perfekte Mahlzeit, um an warmen Sommertagen neue Sightseeing-Energie zu tanken. Etwa um frisch gestärkt am Ufer der Lauch (Ja, so heißt der Fluss wirklich!) entlang zu spazieren.
Wir erreichen den Höhepunkt des kleinen Stadtrundgangs: Das historische Fischerviertel mit Klein Venedig. Dort siedelten sich im Mittelalter nicht nur Fischer und Fährmänner, sondern auch Winzer und Gemüsebauern an. In flachbödigen Booten, die an die venezianischen Gondeln erinnern, konnten sie ihre Waren bis in die Stadt transportieren. 1706 zerstörte ein verheerendes Feuer 40 der umliegenden Häuser. Nach den Restaurierungsarbeiten zwischen 1978 und 1981 erstrahlte das Viertel wieder in altem Glanz. Heute zieht genau diese Schönheit jährlich Tausende Menschen an.
Ein traumhafter Tourismusmagnet mit Abstrichen
Der Roesselmann-Brunnen, welcher nach einem heldenhaften Richter benannt ist, markiert das Ende unserer kleinen Entdeckungstour durch die Altstadt von Colmar. Über den Park schlendern wir wieder zurück zum zentralen Bahnhof. Allerdings betreten wir den Zug erst, nachdem ein schmackhaftes Schoko-Croissant aus der Patisserie Charles Schmitt seinen Weg in unsere Münder gefunden hat. Wenige Augenblicke später fährt der TGV aus Nizza ein, der uns in 26 Minuten nach Straßburg bringen soll.
Auf der Fahrt sinnieren wir über den eindrucksvollen Tagesausflug. Zum einen glänzt Colmar mit einer wunderschönen Altstadt bestehend aus romantischen Gassen, historischen Denkmälern und malerischen Gebäuden. Sie machen die wechselhafte Geschichte erlebbar. Auf der anderen Seite vernichten fragwürdige Souvenir-Läden und sensationshungrige Menschenmassen diese besondere Stimmung. Als wir wieder in den Straßburger Bahnhof einrollen, versichern wir uns Colmar das nächste Mal abends bei weniger Trubel zu besuchen…
Entdecke mehr von Jonas’ Blog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.

