Um das französische Lebensgefühl zu sehen, riechen, schmecken, kurzum zu erleben, ist keine lange Reise tief in das Landesinnere nötig. Schon kurz hinter der deutschen Grenze unweit des Rheins eröffnet sich eine andere Kultur. Europas heimliche Hauptstadt Straßburg lädt zum Entdecken ein. Wir sind unseren Sinnen gefolgt.
Fachwerkbesichtigung auf der Grand-Île
Ein erstes Highlight für das Auge ist der Besuch des historischen Stadtkerns. Er befindet sich auf einer großen Insel, die vom Fluss Ill und dem Canal du Faux-Rempart umschlossen wird. Vom Place de la Republique, der einen zentralen Knotenpunkt des preiswerten Straßburger Nahverkehrs darstellt, führt der Weg vorbei am Rheinpalast hinüber in ein Labyrinth aus romantischen Gassen. An den Häuserwänden regen künstlerische Murale zum Nachdenken an. Aus den Pâtisserien, die wir passieren, strömt ein wohlig warmer Duft. Aber dazu später mehr.
Wir erreichen die Händlergasse Rue du Juifs. Hinter Fachwerkfassaden ragt der 142 Meter hohe Nordturm des Straßburger Münsters empor. Bis 1874 war das sakrale Gebäude aus rosafarbenen Vogesensandstein das höchste Gebäude der Welt. Heute fasziniert es mit seiner astronomischen Uhr, den detaillierten Bleiglasfenstern sowie der Schwalbennestorgel. Als eine bedeutende Wiege des Buchdrucks beherbergt die Kathedrale aktuell die mit 36 Quadratmetern größte gedruckte Seite der Gutenberg-Bibel. Die Stadt hat dem berühmten Erfinder, der 1434 bis 1444 in Straßburg wirkte, einen kleinen Platz gewidmet.
Ganz anders dem General Jean-Baptiste Kléber, der als einer der wichtigsten Wegbegleiter Napoleon Bonapartes gilt und seinem Namen den größten Platz der Stadt verleiht. Wir passieren ihn auf dem Weg in das wohl schönste Viertel Straßburgs: La Petite France. Heute ein Touristenmagnet, galt das von vier Kanälen durchzogene Gerberviertel als finsterer Arbeitsort mit strengem Geruch. Während sich früher nur wenige Menschen hierher verirrten, laden kleine Cafés und Restaurants, aber auch mit Blumen dekorierte Brücken zum Bummeln ein.
Vögelklänge und Blütenduft im Parc d’Orangerie
Wer es noch grüner mag, ist im Parc d’Orangerie an der richtigen Adresse. Die grüne Lunge Straßburgs besticht durch seine vielfältigen Düfte und Klänge. Im Zentrum steht der Josephine-Pavillon, dessen wertvolle Orangenbaumsammlung der Grünfläche ihren Namen verleiht. Orangefarbene Tagetes und gemusterte Dahlien säumen den Weg hinüber zum künstlich angelegten See mit seiner majestätischen Fontäne.
Schon von weitem hören wir ein Quaken und Schnattern: Im und am Wasser genießen Höckerschwäne und
Stockenten die letzten Sonnenstrahlen des Sommers. Die malerische Szenerie wird vom Rauschen des Wasserfalls eingerahmt. Von der kleinen Anhöhe bietet sich ein herrlicher Blick über den Park. Wer genau hinschaut, kann am Ufer die ein oder andere Europäische Sumpfschildkröte sichten. Der kleine Spaziergang durch den Parc d’Orangerie endet am Temple de l’Amour, der sich ästhetisch im See spiegelt. Zahlreiche Sitzbänke laden hier zum Verschnaufen und Genießen ein.
Geschmacksexplosion mit Eclair und Espresso, Flammkuchen und Fischer-Bier
Sightseeing macht hungrig. Gut, dass die französische Küche eine Vielzahl schmackhafter Lösungen anbietet. Da wären zum einen die Pâtisserien Straßburgs mit ihren kalorienreichen Gebäcken zu nennen. Besonders die luftigen leichten (Schoko-)Croissants, cremig weichen Eclairs und kompakten Macarons kitzeln unsere Gaumen hervorragend. Fernab des Zentrums, etwa bei der Boulangerie Caouette oder der Boulangerie Hanss, sind sowohl Geschmack als auch Preis besser als auf der Grand-Île.
Das gilt auch für die herzhaften Speisen. Die Region Elsass ist bekannt für ihre rustikale Küche. Deshalb empfiehlt sich der Besuch einer der urigen Brasserien. Herzhaft geht es etwa bei Le Männele im Europaviertel zur Sache. Die typisch Elsässer Flammkuchen sind ebenso ein Gaumenschmaus wie die Fleischkiechles mit Champignonsoße und Spätzle. Obwohl ich kaum noch Bier trinke, schmeckt das regionale Fischer Tradition in seiner malzig, milden Ausprägung überaus lecker und passt perfekt zu den deftigen Speisen.
Für eine Überraschung sorgt das Wirtshaus Au Brasseur. Von 17 bis 18.30 Uhr ist „Happy Flam“ und die schmackhaften Flammkuchen kosten lediglich 4 Euro. Der halbe Liter selbst gebrautes Blonde-Bier schlägt mit 3 Euro statt 5,80 Euro zu Buche. Ein echter Geheimtipp. Als drittes Restaurant können wir Le Michel empfehlen. Zu überaus moderaten Preisen landen ein samtig weiches Stück Quiche Lorraine mit Salat sowie knackige Merguez Würstchen mit Pommes Frites auf den Tellern.
Wissenswertes auf die Ohren im Batorama-Schiff
Wer Straßburg zum ersten Mal besucht, sollte die Stadt nicht nur zu Fuß erkunden. Vom Wasser eröffnet sich eine ganz besondere Perspektive. Für 16,20 Euro gibt es einen Platz in den je nach Wetterlage offenen oder geschlossenen Batorama-Booten. Vom Kai unweit des Rohan Palastes legen wir ab für eine Fahrt um die Grand-Île. Per Kopfhörer erfahren wir Interessantes über die bewegende Geschichte Straßburgs. Etwa zu den wechselnden Besatzungen zwischen Frankreich und Deutschland. Aber auch zur großen Bedeutung der Reformation für die Stadt im 16. Jahrhundert.
Nach der Fahrt durch die hölzernen Schleusen, die La Petite France von den anderen Stadtteilen trennt, schippern wir durch das UNESCO-Weltkulturerbe Neustadt. Es ziehen der Justizpalast, das Nationaltheater, aber auch prächtige Villen und zahlreiche Kirchen vorüber. Imposant erhebt sich die Paulskirche am Zusammenfluss von Aar und Ill gen Himmel. Auf dem Weg zum Europäischen Parlament passieren wir den Sitz des deutsch-französischen Rundfunksenders Arte, aber auch die Gebäude des Europarats und des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Direkt am Parlamentsgebäude gibt es die Gelegenheit auszusteigen und die bedeutende Institution zu besichtigen.
Demokratie spüren im Europäischen Parlament
Auch wenn nur an wenigen Tagen des Jahres Plenartagungen stattfinden, lohnt sich ein Besuch des Amtssitzes des einzig direkt gewählten Organs der Europäischen Union. Das 1999 eingeweihte, futuristische Gebäude ist nach der französischen Politikerin, Journalistin und Feministin Louise Weiss benannt. Die Architektur soll die europäische Kultur und Geschichte widerspiegeln. Der Kreis mit seinem Mittelpunkt stellt die europäische Einheit dar. Dagegen steht die Ellipse für die Demokratie der Institutionen, die immer in Bewegung sind.
Nach der gründlichen Sicherheitsprüfung empfiehlt sich zuerst die Fahrt mit dem Aufzug auf die Besucherterrasse. Von oben lässt sich nicht nur das Gebäude mit seinen 1.000 Büros und 40 Versammlungsräumen aus einer anderen Perspektive erleben. Auch der Ausblick auf Straßburg selbst ist atemberaubend. Aus 80 Metern Höhe schweift der Blick über die Grand-Île bis in die Vogesen. Wieder unten angekommen führt der Rundweg, der sich mit einer informativen Smartphone-App ergänzen lässt, durch die Rue Jardin. Dabei handelt es sich um einen 200 Meter langen Lichthof, in dem opulente Pflanzen scheinbar aus Steinplatten ausbrechend an Stahlseilen empor klettern.
Über Rolltreppen geht es bis in den Plenarsaal, in dem die 720 Abgeordneten Platz finden. Während der Umbaupausen lassen sich die Arbeiten von der Besuchertribüne beobachten. Allerhand Wissenswertes zur Tätigkeit der Abgeordneten liefert im Anschluss die Ausstellung im Parlamentarium Simone Veil. Eine 360-Grad-Videoinstallation gibt tiefgründige Denkimpulse zur Entwicklung Europas und deren Demokratie. Sie zeigt wie mächtig sie ist, aber auch wie gefährdet.
Abendfarben erleben im Viertel La Petite France
Den Ende eines Tages in der Europa-Stadt Straßburg lässt sich vorzüglich im Viertel La Petite France zelebrieren. Zur goldenen und blauen Stunde, wenn die Laternen in der Altstadt erleuchten, entsteht eine ganz besondere Stimmung. Erst taucht das warme Abendlicht die Sehenswürdigkeiten in eine behagliche Farbe. Dann lässt die glatte Wasseroberfläche der Kanäle die pittoresken Fassaden kalt-blau spiegeln. Vor den Gasthäusern und Restaurants genießen Einheimische und Tourist:innen die letzten schönen Stunden des Straßburger Sommers.
Die kleine Stadt im Elsass ist ein Erlebnis für alle Sinne. Straßburgs Altstadt ist ein Abenteuer für die Augen, die französische Backstube als auch elsässische Küche eine Wohltat für den Gaumen und die Parks ein Erlebnis für Nase und Ohren. Ein Besuch des europäischen Parlaments lässt uns die Relevanz und Leistungsfähigkeit unserer Demokratie spüren. Gerade in der aktuellen Zeit lohnt sich ein Abstecher über die deutsch-französische Grenze besonders.
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