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Ibug 2025: Schräge Streetart im multifunktionalen Gebäudekomplex.

Ver­fal­le­ne Indus­trie­kom­ple­xe üben nicht nur auf Geocacher:innen eine große Anzie­hungs­kraft aus. Auch Kunst­schaf­fen­de toben sich gern in alten Gemäu­ern aus. Damit alles im lega­len Rahmen ver­läuft, lädt der ibug e.V. (Kurz­form für Indus­trie­bra­chen-Umge­stal­tung) Künstler:innen aus aller Welt in einen säch­si­schen „Lost Place“ ein. Im Chem­nit­zer Kul­tur­haupt­stadt­jahr 2025 dient das alte Kran­ken­haus in der Schef­fel­stra­ße 110 als Lein­wand für far­ben­fro­he und zuwei­len schrä­ge Street­art. Ich war zum 20-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Kunst-Fes­ti­vals auf dem Gelän­de mit der Kamera unterwegs.

Neues Leben für historische Mauern

Wenn es etwas im alten „Säch­si­schen Man­ches­ter“ gibt, dann sind es wohl marode Indus­trie­bra­chen. Chem­nitz galt Anfang des 20. Jahr­hun­derts als das deut­sche Zen­trum des Maschi­nen­baus. Fabri­ken schos­sen aus dem Boden wie Pilze. So auch der Back­stein­ge­bäu­de­kom­plex in der Schef­fel­stra­ße 110, der aus der Feder des öster­rei­chi­schen Archi­tek­ten Karl Johann Benirsch­ke stammt. 1909 wurde er als ein Stand­ort der Presto-Werke Gün­ther und Co. KG errich­tet. Fortan liefen Auto­mo­bi­le, Motor- und Fahr­rä­der vom Band. Das Geschäft brumm­te. Doch Fehl­ent­wick­lun­gen und damit Rück­ruf­ak­tio­nen sowie die Welt­wirt­schafts­kri­se, ver­bun­den mit einem langen Streik der Metallarbeiter:innen ließen das Unter­neh­men in wirt­schaft­li­che Schief­la­ge geraten.

Ende der 1920er Jahre verlor der Stand­ort die Pro­duk­ti­on motor­ge­trie­be­ner Fort­be­we­gungs­mit­tel. Als sich dann 1935 Audi, DKW, Horch und Wan­de­rer zur Auto-Union AG zusam­men schlos­sen, wurde das Areal als Unter­neh­mens­sitz genutzt. Mit Beginn des 2. Welt­kriegs gehör­ten auch Gleis­ket­ten und Getrie­be für Pan­zer­fahr­zeu­ge zu den Erzeug­nis­sen der Presto-Werke. 1943 wurde das letzte Fahr­rad mon­tiert. Auch dadurch geriet der Kom­plex ins Visier der Alli­ier­ten und wurde im Jahr 1945 bei Luft­an­grif­fen zer­stört. Die ver­blie­be­nen Maschi­nen und Anla­gen gingen als Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen an die Sowjetunion.

Fortan wurden die drei Gebäu­de als Stadt­park-Kran­ken­haus genutzt. Zu DDR-Zeiten fanden bis zu 800 Men­schen Platz. Stetig wurde die Bet­tan­zahl bis auf 300 redu­ziert. Das Kran­ken­haus beher­berg­te ver­schie­de­ne Fach­rich­tun­gen: Abtei­lun­gen für Hals-Nasen-Ohren-Heil­kun­de, Haut- und Geschlechts­krank­hei­ten, innere Medi­zin und auch die Sport­me­di­zin waren unter­ge­bracht. Auf­grund einer not­wen­di­gen Sanie­rung erhielt 1997 der letzte Pati­ent seine Entlassungspapiere.

Farbenfrohe Kunst in großen und kleinen Räumen

Auch die Ibug nimmt diese His­to­rie auf und the­ma­ti­siert die Geschich­te des Gebäu­de­kom­ple­xes. Im Haupt­bau lassen sich his­to­ri­sche Vehi­kel finden, die von der dama­li­gen Inge­nieurs­kunst zeugen. Aber auch die His­to­rie als Kran­ken­haus wird mit einer Son­der­aus­stel­lung bespro­chen. Für die großen Wow-Effek­te sorgen aller­dings die 70 kura­tier­ten Street-Art-Künstler:innen und Kol­lek­ti­ve aus aller Welt, die das marode Areal mit Leben füllen. Effekt­voll regen bunte Male­rei­en und Graf­fi­ti in den großen Hallen und klei­nen Räumen zum Nach­den­ken an.

Publi­kums­ma­gne­te sind die großen Plas­ti­ken in Form einer Schne­cke oder eines lebens­gro­ßen Ein­horns, die sich kri­tisch mit Leder­wa­ren aus­ein­an­der setzt. Aber auch poli­tisch bezie­hen einige Kunst­schaf­fen­de Stel­lung und kri­ti­sie­ren etwa den US-Prä­si­dent Donald Trump und Isra­els Minis­ter­prä­si­dent Ben­ja­min Net­an­ya­hu. Aber auch gesell­schaft­li­che Themen wie geschlecht­li­che Viel­falt oder Armut und Reich­tum finden sich in den Kunst­wer­ken wieder. Wer ganz genau hin­schaut, ent­deckt an und in den brö­ckeln­den Wänden ver­blüf­fend detail­lier­te Miniaturkunst.

Zwei meiner High­lights, die sich all­jähr­lich durch die Ibug ziehen, sind das kleine Mäd­chen und der nied­li­che Panda, denen ich in den Gängen und Trep­pen­häu­sern begeg­ne. Die Emo­tio­nen und damit trans­por­tier­ten Bot­schaf­ten sind man­nig­fal­tig. Genau­so wie das Publi­kum, das an den Wochen­en­den das Areal bevöl­kert: Fami­li­en mit ent­de­ckungs­freu­di­gen Kin­dern, kunst­in­ter­es­sier­te Stu­die­ren­de, aber auch Senior:innen, die den alt­ehr­wür­di­gen Kom­plex noch einmal besu­chen möch­ten, sind unter den Gästen aus­zu­ma­chen. Damit hat die Ibug einen beson­de­ren Wert in der säch­si­schen Kul­tur­land­schaft. Sie zeigt, dass Kunst nicht nur berührt, son­dern auch ver­bin­det. Ein Besuch ist noch am ersten Sep­tem­ber-Wochen­en­de möglich.


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