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Auf den Spuren der erzgebirgischen Holzkunst im Spielzeugdorf Seiffen.

End­lich ist sie da, die besinn­li­che Advents­zeit. Als Kind des Erz­ge­bir­ges freue ich mich jedes Jahr aufs Neue auf das Schmü­cken der Regale und Fens­ter­bän­ke. An einem der ver­gan­ge­nen Wochen­en­den führte mich der Weg in eine der Geburts­stät­ten von Räu­cher­männ­chen, Schwib­bö­gen und Weih­nachts­py­ra­mi­den. Ein Streif­zug durch das Spiel­zeug­dorf Seif­fen und die Geschich­te der erz­ge­bir­gi­schen Holzkunst.

Heimatverbundene Holzkunst hat im Erzgebirge eine lange Historie

Bereits viele Jahr­hun­der­te ist die Region im Süden des Frei­staa­tes Sach­sen für sein Holz­hand­werk bekannt. Damals im 17. Jahr­hun­dert wurden immer mehr Erz­berg­wer­ke auf­grund gerin­ger Ren­ta­bi­li­tät geschlos­sen. Die Suche nach Zusatz- und Ersatz­ein­künf­ten begann. Eine Erwei­te­rung der Land­wirt­schaft schied vie­ler­orts auf­grund der ber­gi­gen Topo­gra­phie aus. Schnell stand der erz­ge­bir­gi­sche „Miri­qui­di“ und die Res­sour­ce Holz im Fokus. Am offe­nen Kamin­feu­er erblick­ten die ersten Schnit­ze­rei­en das Licht der Welt. Mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung kamen Drechs­le­rei­en hinzu. Mitte des 17. Jahr­hun­derts ent­stan­den die Berufe des Teller- und Spin­del­dre­hers. Sie fer­tig­ten erst Gebrauchs­ge­gen­stän­de und später vom Alltag inspi­rier­te Figu­ren wie etwa Bergmänner.

In den darauf fol­gen­den Jahr­zehn­ten trat zuneh­mend die Her­stel­lung von Spiel­zeug und Weih­nachts­schmuck in den Vor­der­grund. Nach dem Vor­bild eines Göpel­wer­kes aus dem Berg­bau wurde die Weih­nachts­py­ra­mi­de erfun­den. Statt kine­ti­scher Ener­gie der schrei­ten­den Pferde bringt die ther­mi­sche Ener­gie der bren­nen­den Kerzen die ver­ti­ka­le Welle in Bewe­gung. Dadurch sorgt das warme Licht nicht nur für eine ange­neh­me Atmo­sphä­re. Die lang­sa­me Rota­ti­on des Flü­gel­rads und der Figu­ren brin­gen Geist und Gemüt zur Ruhe. Zier­ten sie früher vor allem Dorf­plät­ze, sind sie des­halb heute auch in zahl­rei­chen erz­ge­bir­gi­schen Woh­nun­gen zu finden.

Etwas später wurden die ersten Schwib­bö­gen ent­wor­fen. Das ältes­te bekann­te Modell stammt aus dem Jahr 1740 und besteht aus Metall. Zunächst bestimm­ten christ­li­che Motive das Erschei­nungs­bild, sym­bo­li­sier­te das Rund den „Him­mels­bo­gen“ und damit das „Tor zum Para­dies“. Aber auch berg­män­ni­sche Figu­ren sind auf einem klas­si­schen Schwib­bo­gen zu finden. Das bekann­tes­te Motiv ver­kör­pert der „Schwar­zen­ber­ger Schwib­bo­gen“. Er zeigt zwei Berg­leu­te, die ein Wappen mit den säch­si­schen Kur­schwer­tern tragen. Flan­kiert werden sie von einem Schnit­zer und einer Klöpp­le­rin. Damit sym­bo­li­siert er die drei Haupt­er­werbs­quel­len der erz­ge­bir­gi­schen Bevöl­ke­rung im 18. und 19. Jahrhundert.

Ziem­lich genau 1830 war es soweit, dass die ersten gedrech­sel­ten Figu­ren mit Rau­chen began­nen. Das gleich­na­mi­ge Räu­cher­männ­chen war gebo­ren. Zuerst bestand der Duft vor allem aus Weih­rauch – dem heil­sa­men und beru­hi­gen­den Mittel, das einer der Hei­li­gen Drei Könige dem Chris­tus­kind schenk­te. Später kamen auch Tan­nen­duft, San­del­holz oder Laven­del dazu. Mit der Duft­viel­falt spros­sen die Manu­fak­tu­ren aus dem Boden. Als Zen­trum gilt bis heute das Dorf Seif­fen unweit der deutsch-tsche­chi­schen Grenze.

Im „Plywood“ trifft erzgebirgische Kreativität auf emotionalen Konsum

Die Wochen vor dem Weih­nachts­fest stel­len die wich­tigs­te Zeit bei den Holzspielzeugmacher:innen dar. Des­halb lädt schon ab Anfang Okto­ber der „Seif­fe­ner Ster­nen­markt“ zum Ent­de­cken – und Kon­su­mie­ren ein. Denn so roman­tisch die erz­ge­bir­gi­sche Holz­kunst auch ist: Schluss­end­lich ist der Ver­kauf der deko­ra­ti­ven Waren ein wich­ti­ger Wirt­schafts­zweig. Men­schen aus der gesam­ten Bun­des­re­pu­blik sind an den Wochen­en­den in dem 3.400-Seelen-Dorf anzu­tref­fen. Sie zwän­gen sich durch die engen Gänge der Läden. Dabei wird auch gern mal gedrän­gelt und gedrückt. Mit Gemüt­lich­keit und Besinn­lich­keit hat das oft kaum mehr etwas zu tun.

Des­halb soll­ten Besu­che auf die Wochen­ta­ge oder die Zeit im Früh­jahr oder Sommer ver­la­gert werden. Dann lässt sich auch das breite Sor­ti­ment ent­spann­ter Bestau­nen und Betrach­ten. Und den „Män­nel­ma­chern“ über die Schul­tern gucken. Zwar hält die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung auch bei den Holz­pro­duk­ten Einzug. Aller­dings sorgt die Detail­treue der Hand­ar­bei­ten und Ver­zie­run­gen für Wow-Effek­te. Und dank der Viel­zahl an Moti­ven und Berufs­bil­dern findet garan­tiert jeder einen (oder zwei) Favo­ri­ten. Wem die feh­ler­frei­en Ori­gi­na­le zu teuer sind, findet mit etwas Glück in so man­chem Geschäft preis­re­du­zier­te B‑Ware. Dann zieht der beson­de­re Charme der erz­ge­bir­gi­schen Weih­nachts­freu­de wirk­lich bei allen in die hei­mi­schen vier Wände ein. In diesem Sinne eine frohe und stress­freie Adventszeit!


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