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Ein erster letzter Tanz auf dem Highfield Festival 2026.

Nach 28 Jahren ging am 16. August 2026 eine Ära zu Ende: Das High­field Fes­ti­val am Störm­tha­ler See bei Leip­zig bat ein letz­tes Mal zum Tanz. Bei Tem­pe­ra­tu­ren von 35 Grad Cel­si­us wurde der in diesem Rekord­som­mer zu einer kräf­te­zeh­ren­den Ange­le­gen­heit. Ich nutzte die Gele­gen­heit das letzte große säch­si­sche Fes­ti­val erst­ma­lig zu besu­chen. Einige Ein­drü­cke eines wilden Wochen­en­des zwi­schen Staub und Schweiß.

Ankommen auf einen staubtrockenen Acker

Obwohl das High­field Fes­ti­val mit rund 30.000 zu den klei­ne­ren der Repu­blik zählt, bin ich über­wäl­tigt, als wir Don­ners­tag­abend gegen 17.30 Uhr auf dem Gelän­de ankom­men: Die Park­plät­ze sind bereits gut gefüllt und unzäh­li­ge Fei­er­wü­ti­ge entern mit ihren über­la­de­nen Bol­ler­wa­gen die Zelt­plät­ze. Es dauert nach Hand­wa­gen­be­la­dung und Bänd­chen­aus­ga­be eine Weile bis wir das erste Seg­ment des „Grüner Wohnen“ errei­chen. Dort ist es zwar alles andere als grün, aber neben Sani­tär­an­la­gen mit Was­ser­an­schluss gibt es auch Duschen und eine Nacht­ru­he zwi­schen 2 und 8 Uhr.

Längst sind die guten Seg­men­te mit üppig geschmück­ten Zelten und indi­vi­du­ell bekleb­ten Pavil­lons belegt. Aus den opu­len­ten Ghet­to­blas­tern tönt laute Party-Musik. Am hin­ters­ten Ende können wir eine geeig­ne­te Fläche abseits des Weges für uns bean­spru­chen. Bei über 30 Grad Cel­si­us begin­nen wir mit dem Aufbau von Zelt und Pavil­lon. Anders als den kargen Boden, können wir unsere tro­cke­nen Kehlen mit einem pri­ckeln­den Radler besänf­ti­gen. Unsere Lebens­geis­ter kommen aber nur bedingt zurück und so findet die Warmup-Party mit den Bier­b­a­bes und den Dru­cken Mas­ters ohne uns statt. Statt­des­sen fallen wir gegen 1 Uhr erschöpft in unsere Schlafsäcke.

Die ersten beiden Nächte finden kurz vor 8 Uhr ein jähes Ende, als die Sonne das Zelt auf eine unan­ge­neh­me Tem­pe­ra­tur erwärmt. Aus der Ferne knal­len Dixi­klo-Türen. Im Wort­sinn genutz­te Laut­spre­cher­bo­xen, aus denen eine Melan­ge aus Roland Kaiser, Roy Bianco und PA69 klin­gen, läuten die Fes­ti­val-Tage ein. Der erste Kaffee lässt unsere klei­nen Augen etwas größer werden. Und auch das bal­last­stoff­rei­che Müsli-Früh­stück gibt Ener­gie für den Vor­mit­tag. Die ist auch bitter nötig, denn es dauert nur wenige Stun­den bis das Ther­mo­me­ter die 30-Grad-Marke erreicht. Des­halb sind die Was­ser­spen­der schon jetzt im Dau­er­ein­satz. Und auch vor den Toi­let­ten-Con­tai­nern haben sich mitt­ler­wei­le lange Schlan­gen gebil­det. War­te­zeit: eine halbe Stunde.

Früh­stück auf dem High­field Festival

Vorglühen im Camp, Abkühlen im See

Wäh­rend wir immer noch gemäch­lich in den Tag star­ten, finden auf den Zugangs­we­gen die ersten „Flun­ky­ball“-Tur­nie­re statt. Erleb­nis­ori­en­tier­te grei­fen auf Fan­ta­do­sen zurück, Ergeb­nis­ori­en­tier­te auf mit Bier gefüll­te Exem­pla­re. Andere Camper nutzen den freien Vor­mit­tag für das über­aus belieb­te Prä­zi­si­ons­spiel „Bier Pong“, bei dem ein Tisch­ten­nis­ball in einen geg­ne­ri­schen Becher beför­dert werden muss. Ruhi­ger geht es am schma­len Strand des Störm­tha­ler Sees zu, der nur wenige hun­dert Meter ent­fernt ist. Ath­le­ti­sche Körper nutzen die Zeit für eine Runde Yoga oder eine kräf­ti­gen­de Fitnesseinheit.

Abküh­lung gibt es im Nass des bewach­ten Tage­bau­sees. Der ist in den Mit­tags­stun­den so gut besucht, dass freie Stel­len rar werden. Mehr Action gibt es auf der Banane oder dem Reifen, die von einem PS-star­ken Motor­boot über den See gezo­gen werden. Auf­grund des großen Ansturms beträgt aber auch hier die War­te­zeit 1,5 Stun­den. Dann doch lieber einige ruhige Bahnen schwim­mend im See ziehen. Dank Son­nen­milch-Spen­dern und gespon­ser­ten Hüten lässt es sich aber auch vor­züg­lich am Strand aus­hal­ten. Als die Sonne ihren Zenit erreicht, ent­schei­den wir uns für den Weg zurück ins Camp. Denn schon bald sollen die ersten Bands auf den Bühnen stehen.

Feiern zu einem genialen Genremix mit Testosteron-Überschuss

Als wir kurz nach 15 Uhr das Fes­ti­val­ge­län­de errei­chen, ist die Party bei der Punk­band Itchy aus Baden-Würt­tem­berg in vollem Gange. Nicht nur bei den drei Jungs bilden sich immer wieder stau­ben­de Kreise, in denen die Fans wild umher tanzen. Neu ist die Sen­si­bi­li­tät für Sexis­mus und das tem­pe­ra­tur­be­ding­te Ver­let­zungs­ri­si­ko. Jeder soll sich sicher fühlen. Des­halb rufen auch andere Künst­ler-Kombos wie Giant Rooks, Das Lum­pen­pack oder Kraft­klub für dedi­zier­te Damen-Mosh­pits auf. Beson­ders aus­ge­las­sen emp­fin­de ich die Stim­mung bei den klei­ne­ren Künst­lern und Bands, zu denen auch Jung-Rapper Yung Pepp, Brass-Kapel­le Quer­beat oder der 23 Jahre alten Punk­rock-Band Mont­re­al zählen. Hier gibt es kein Gedrän­ge und der Kon­takt mit den Kunst­schaf­fen­den ist inten­si­ver. Das gefällt.

Jedoch täuscht es nicht dar­über hinweg, dass auch das High­field im Jahr 2026 einen unge­sun­den Über­schuss an männ­lich besetz­ten Bands auf­weist. Gerade die Head­line-Slots sind, mit Aus­nah­me von Dilla am letz­ten, über­aus unlu­kra­ti­ven Fes­ti­val­tag, nur mit Män­nern belegt. Ein biss­chen mehr Mut hätte es bei der Pla­nung der letz­ten Aus­ga­be des Fes­ti­vals am Störm­tha­ler See schon sein dürfen. Dafür finden die weni­gen Künst­le­rin­nen wie Nura oder Vicky die rich­ti­gen Worte gegen Patri­ar­chat und Benach­tei­li­gung von Frauen.

Speisen und Trinken zu überteuerten Preisen

Mit den aus­ge­las­se­nen Tanz-Bewe­gun­gen unter Schweiß­be­glei­tung wach­sen Durst und Hunger. Wäh­rend sich ers­te­rer an den kos­ten­frei­en Trink­was­ser­spen­dern löschen lässt, ist für zwei­te­res der Gang zu einem der zahl­rei­chen Essens­bu­den not­wen­dig. Wäh­rend vor dem Gelän­de die vegane Brat­wurst noch mit ver­kraft­ba­ren 5,90 Euro zu Buche schlägt, kosten im Infield Piz­za­stück, vega­ner Döner oder Schafs­kä­se­ta­sche geschla­ge­ne 12,70 Euro. Grund dafür ist das neue Cashl­ess-System per RFID-Chip am Fes­ti­val­bänd­chen. Ver­an­stal­ter FKP Scor­pio erhält zusätz­lich zu den Stand­ge­büh­ren 30 Pro­zent jeder Trans­ak­ti­on. Alles andere als sozial.

Und doch lässt das die Stim­mung bei uns Fei­ern­den nicht ver­mie­sen. Das liegt wohl auch den emo­tio­na­len Momen­ten auf den Bühnen als etwa der Vater von Yung Pepp mit sel­bi­gen als auch Mar­te­ria mit seinem Sohn Louis Duette anstim­men. Oder als bei Nura junge Fans den SXTN-Song „Bongzim­mer“ auf der Bühne feh­ler­frei anstim­men. Oder als Quer­beat eine Posau­ne kur­zer­hand als Was­ser­pis­to­le miss­brau­chen und einen Fla­min­go-Stage­di­ve-Wett­be­werb ver­an­stal­ten. Oder, oder, oder. Pro­ble­ma­tisch finde ich nach einem Tag mit 35 Grad Cel­si­us den Ein­satz von Feu­er­fon­tä­nen und Feu­er­werk, etwa bei 01099 oder Mar­te­ria.

Trotz­dem sind die Fes­ti­val-Gigs der großen Namen ein tolles Erleb­nis. Wenn­gleich Kraft­klub eine beschnit­te­ne Foto­ko­pie der Open-Air-Kon­zer­te ablie­fert, ist die Kom­bi­na­ti­on aus Video­in­stal­la­ti­on und Schein­wer­fer-Pro­gram­mie­rung ein­drucks­voll. Tech­ni­sche Pro­ble­me gibt es ledig­lich bei Indie-Hiphop-Künst­ler Levin Liam, der ver­spä­tet den irgend­wie pas­sen­den Song „auf­wa­chen“ ansingt und Titel vom neuen Album “PECH” prä­sen­tiert. Nach tag­täg­lich mehr als acht Stun­den Live-Musik ist mir mit Fuß- und Rücken­schmer­zen dann doch eher nach schla­fen zumute. Aller­dings nicht vor der fan­tas­tisch kalten Dusche, die meine zweite, staub­för­mi­ge Haut zuver­läs­sig ent­fernt. Mit glück­li­chem Gesicht und voll­ge­pumpt mit Endor­phi­nen schla­fen wir nach Mit­ter­nacht ein.

Tanzen zum Abschied oder zur Schaffenspause?

Die Ver­an­stal­ter FKP Scor­pio und Semmel Con­certs schenk­ten der 2026er-Aus­ga­be des High­field-Fes­ti­vals das Motto „One last dance“. Schon seit Jahren scheint es finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten zu geben. Das Ver­trau­en wurde zudem durch den ver­hee­ren­den Brand des tra­di­tio­nel­len Rie­sen­rads beschä­digt. Zwei Dut­zend Gäste trugen damals Ver­let­zun­gen davon. Auch nach der Befra­gung von über Hun­dert Zeug:innen ist der Pro­zess bis heute nicht abge­schlos­sen.

Auf dem Gelän­de war die Stim­mung aller­dings über­aus aus­ge­las­sen. Auch die Künstler:innen selbst bedau­er­ten das Ende des Fes­ti­vals, das so wich­tig für die säch­si­sche Kul­tur­land­schaft ist. Sieht man von den finan­zi­el­len Kri­tik­punk­ten und dem Über­schuss an männ­li­chen Acts ab, ist das High­field Fes­ti­val ein über­aus gut geplan­tes Event. Viel­leicht brin­gen neue Spon­so­ren die Wende: Eine aktu­el­le Umfra­ge unter allen Gästen the­ma­ti­siert unter ande­rem bekann­te Marken und deren Ein­klang zum Fes­ti­val-Kon­zept. Also „High­viech“ – ich sage mal „Auf Wiedersehen!“.


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