Es gibt ja solche Momente, in denen man die Entscheidungen des Vergangenheits-Ichs maßlos bereut. Etwa am letzten Juni-Samstag, als das Thermometer schweißtreibende 38 Grad Celsius anzeigte und das vor mehr als einem Jahr geplante Stadion Open-Air der Chemnitzer Band Kraftklub anstand. Doch dann kam alles anders. Warum die Premiere im Rudolf-Harbig-Stadion anlässlich der “Sterben in Karl-Marx-Stadt”-Tour ein voller Erfolg wurde.
Ein Sitzplatz wird vom notwendigen Übel zum Vorteil
Als wir vor etwas mehr als einem Jahr die Tickets für das Freiluftkonzert im Dynamo-Stadion ergattern wollten, war der Frust groß. Die politisch stabile Band Kraftklub hatte es damals vorgezogen Follower auf der algorithmisch fragwürdigen Plattform Instagram des Meta-Konzerns frühzeitigen Zugriff zu gewähren. Obwohl pünktlich zum Vorverkaufsstart eingeloggt, blieben nur Eintrittskarten auf der entfernten Sitztribüne übrig. Doch das sollte sich an jenem Samstagabend als angenehmer Vorteil erweisen.
Es ist kurz nach 18 Uhr als wir den ungewöhnlichen Spielort erreichen. In dem weiten Beton-Oval, in dem normalerweise die Kicker des Dynamo Dresden in der 2. Fußballbundesliga Siegen hinterher jagen, will die Chemnitzer Band um Frontsänger Felix Kummer ihre Stadionpremiere feiern. In den Tagen davor gab es im Wortsinn hitzige Debatten über die Verantwortlichkeit der Veranstaltung. Vor dem Stadion versuchen deshalb mehrere Dutzend Menschen ihre übrig gebliebenen Tickets zu veräußern. Mit mehr oder weniger Erfolg.
Dabei haben die Veranstalter Landstreicher Konzerte bereits die Sicherheitsbestimmungen gelockert. Jeweils mit 1,5 Liter Wasserflaschen ausgestattet, betreten wir das Areal. Die Preistafel zeigt zwar 4 Euro für den halben Liter Wasser, allerdings nehmen die Betreibenden aufgrund der besonderen Umstände lediglich 3,20 Euro. Trinkwasser, etwa in den Toiletten oder an speziellen Spendern ist kostenlos. So erreichen wir in Vorfreude unsere Plätze in Reihe 33 des Block A unter der Stauhitze des Daches. Luftzug Fehlanzeige. Schon nach wenigen Sekunden kommt unser Stadionkonzert-Gadget Nummer 1 zum Einsatz: der Handfächer. Während andere auf batteriebetriebene Handventilatoren setzen, kühlt ein nasses Handtuch unsere überhitzte Nacken.

Yung Pepp und Blond heizen die Stimmung an
Als mit Yung Pepp der erste Künstler um 18.45 Uhr die opulente Bühne vor dem K‑Block betritt, ist bereits ein Großteil des Stadions im Schatten. Von den sonnenbeschienenen Tribünen blitzen silberfarbene Folien, die vor zu hohen Körpertemperaturen schützen sollen und kostenlos ausgeteilt werden. Der 18-jährige Indie-Rapper begeistert mit sanften Sommer-Beats und entspannter Stimme. Dabei handeln seine Songs von seiner Heimat Leipzig-Plagwitz zwischen Bolzplatz und Plattenbau. Überaus sympathisch.
Während am Bierstand Dauerflaute herrscht, wird die Schlange an den Trinkwasserstationen immer länger. Einige Wasserdüsen im ersten Drittel des Innenraums sorgen für zusätzliche Abkühlung, sodass auch beim Auftritt der Schwesterband Blond um Nina und Lotta Kummer sowie Johann Bonitz keine Sanitätseinsätze nötig sind. Durchaus überraschend, denn die Luft glüht mittlerweile. Und Songs wie „16 Jahr, blondes Haar“, „Ich wär’ so gern gelenkiger“ oder eine Techno-Version von „SB-Kassen-Lover“ treiben die Tanzwut weiter voran. Feministischen Titel wie „Männer“ oder „Girl Boss“ gegen patriarchale Strukturen erhalten zustimmenden Applaus. Als die Band mit einem “Bis bald Dresdnee” ihr Podest verlässt, wächst die Vorfreude auf Kraftklub ins Unermessliche.
Kraftklub baut kurze „Kuddelpausen“ ein
Es ist 20.50 Uhr als der Countdown am Schriftzug zum aktuellen Album “Sterben in Karl-Marx-Stadt” hoch oben am Autokran auf Null springt. Unter tosendem Applaus der 30.000 Gäste und mit allerhand Konfetti okkupieren die Jungs mit „Marlboro Man“ die riesige Bühne. Fächer wedeln im Takt. Im Innenraum bilden sich die ersten Moshpits. Von der Nachbartribüne erschallt „Döp-Döp Döp-Döp Dö-Dö-Döp-Döp-Döp“ vom Song „Kippenautomat“. Doch noch hat die Chemnitzer Kombo andere Pläne. Klassiker wie „Ich will nicht nach Berlin“ und „Karl-Marx-Stadt“ sorgen für besondere Fanmomente. Hier an diesem Fußballort. Und bei „So schön“ steht plötzlich wieder Blond auf der Bühne.
In kurzen Abständen lädt Felix, der in „Wie ich“ kurz wieder zum Rapper Kummer wird, zum gemeinschaftlichen Kuddeln (sächsisch für Trinken) ein. Dabei geht er mit den Fans auf Tuchfühlung. Das Konzept geht auf: Die kurzen Pausen entschleunigen ungemein und tragen zur Erholung angesichts der hohen Temperaturen bei. Als Felix, Till, Steffen und Karl ein kleines Podest in der Menge betreten und „Zeit aus dem Fenster“ und „Schief in jedem Chor“ intonieren, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Tausende Handylichter strahlen in den Dresdner Himmel. Gänsehaut. Ein einzigartiges Bild.
Nachdem endlich „Kippenautomat“, „Chemie Chemie Ya“ und „Blaues Licht“ ertönten, schiebt Felix mit dem Song-Glücksrad den Kraftklub-Tour-Klassiker auf die Bühne. Aus dem Publikum darf Nico aus Freiburg den Glücks-Elfen spielen. Das Unglaubliche daran: Er hat die 700 Kilometer bis in die sächsische Landeshauptstadt mit dem Fahrrad absolviert. Schade, dass Felix und Till den folgenden Song „500 K“ nicht kurzerhand in „700 K“ umdichten. Zwischendurch sorgt eine Schneekanone im vorderen Viertel für eine willkommene Abkühlung.
Frenetisches Finale mit alten Klassikern
Textsicher sind wir Fans vor allem bei alten, politischen Songs wie „Schüsse in die Luft“ oder „Randale“. Fliegende Konfettischlangen beschließen den Sitdown im Innenraum. Den Abschied feiern die Chemnitzer unter lautstarken Jubel mit „Ein Song reicht“ und „Songs für Liam“. Ohne Zwischenfälle endet kurz vor 23 Uhr ein grandioser Konzertabend, der nicht zuletzt durch das gute Hitzeschutzkonzept sowie die Einführung kurzer Trinkpausen ein voller Erfolg war. Bei mollig warmen 32 Grad Celsius geht es wieder zurück nach Hause. „Döp-Döp Döp-Döp Dö-Dö-Döp-Döp-Döp“ erschallt es durch die Dresdner Nacht. Bis zum nächsten Kraftklub-Konzert.
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