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In der Vorstellung: Kulturpolitische Begehungen durchs Schauspielhaus Chemnitz.

In den ver­gan­ge­nen Jahren sparte das Chem­nit­zer Kunst­fes­ti­val Bege­hun­gen nicht an gesell­schaft­li­cher Kritik. Ob in Kauf­haus, Schule oder Heiz­kraft­werk: Die künst­le­ri­schen Krea­tio­nen erzeug­ten jeher ein sub­ti­les Span­nungs­feld zum still­ge­leg­ten Schau­platz. Für die 23. Aus­ga­be fiel die Wahl auf einen beson­ders bri­san­ten Ort. Im alten, dem Ver­fall preis­ge­ge­be­nen Schau­spiel­haus im Park der Opfer des Faschis­mus wird die aktu­el­le Spar­po­li­tik im Kul­tur­be­reich erleb­bar. Die Bege­hun­gen reflek­tie­ren „In der Vor­stel­lung“ die gefähr­li­chen Insze­nie­rungs­stra­te­gien von Wirk­lich­keit mit den extra­va­gant künst­le­ri­schen Mit­teln. Ich war mit der Kamera in den his­to­ri­schen, ange­nehm tem­pe­rier­ten Wänden unterwegs.

Klamme Kassen sorgen für Sparmaßnahmen und Stilllegung

Seinen Ursprung hat das Gebäu­de an der zen­tral gele­ge­nen Zie­sche­stra­ße im letz­ten Jahr­zehnt der DDR. Unter der Lei­tung des Chem­nit­zer Archi­tek­ten Rudolf Weißer erbaut, wird im Okto­ber 1980 die Eröff­nung gefei­ert. Als Direk­tor haucht Hart­wig Albiro bis 1996 dem Schau­spiel­haus Leben ein. Mit anspruchs­vol­len Werken wie Fried­rich Schil­lers „Maria Stuart“ über Johann Wolf­gang von Goe­thes „Die Mit­schul­di­gen“ bis Helmut Bez’ „Klei­ner Mann, was nun“ prägt er die Anfangs­zeit des Thea­ters. Ihm folgen in kurzen Zeit­ab­stän­den Her­bert Olschok (1996–2000), Manuel Sou­bey­rand (2000–2004), Katja Paryla (2004–2008) und Enrico Lübbe (2008–2013).

Als anschlie­ßend Schau­spiel­di­rek­tor Cars­ten Knöd­ler das Ensem­ble leitet, zeigen sich immer mehr Bau­fäl­lig­kei­ten. Bis zum Jahr 2022 sum­mie­ren sie sich auf 34 Mil­lio­nen Euro. Ein Betrag, den die Stadt Chem­nitz nicht auf­brin­gen kann. Es folgt die Still­le­gung des Gebäu­des. Eine Welle der Ent­rüs­tung gegen­über den „Stadt­äl­tes­ten“, aber auch Soli­da­ri­tät mit den Künstler:innen schwappt durch die Stadt­ge­sell­schaft. Das geschlos­se­ne Schau­spiel­haus wird zum Sym­bol­bild für den finan­zi­el­len Kahl­schlag im Kul­tur­be­reich von Sach­sens dritt­größ­ter Stadt. Nicht zuletzt Aktio­nen zum Kul­tur­haupt­stadt­jahr 2025 von „C the Closed“ und Kraft­klub ver­schaf­fen der pre­kä­ren Situa­ti­on Aufmerksamkeit.

Individuelle Sichtweisen über die Elefanten im Raum

Nun rückt also auch das Team um den Begeg­nun­gen e.V. das iko­ni­sche DDR-Gebäu­de in den Fokus. Als wäre es eine ver­steck­te Kritik an die aus­blei­ben­den Zuschüs­se, geschieht der Zugang unschein­bar über den rück­wär­ti­gen Ost­flü­gel. Nach einer furio­sen Aus­ga­be zur Kul­tur­haupt­stadt 2025 plagen den Verein um Kura­to­rin Dr. Clau­dia Tittel Geld­sor­gen. Von den rund 200.000 Euro Kosten sind ledig­lich ein Drit­tel durch För­der­mit­tel gedeckt. Auch des­halb kostet der Ein­tritt zur Aus­stel­lungs­flä­che erst­mals 10 Euro. Ein abso­lut ange­mes­se­ner Betrag.

Und direkt nach der Kasse steht er da, der Ele­fant im Raum. Im Kul­tur­haupt­stadt­jahr 2025 tauch­te die Plas­tik der Künst­ler Frank Mai­bier, Andre­as Wink­ler und Chris Müns­ter immer wieder im Stadt­bild auf. Das Pro­jekt „EWA“ will dar­über hinaus Auf­merk­sam­keit erre­gen für gesell­schaft­li­che Pro­ble­me, die oft tot­ge­schwie­gen werden. Die klei­nen und großen Räume des Ost­flü­gels bieten Platz für diese Pro­ble­me. Etwa die des chi­ne­si­schen Volkes mit seinem Dik­ta­to­ren in „A Song of Tyrann (Chi­ne­se Demo­cra­cy and The Last Day on Earth)“ von Feder­i­co Solmi (Ita­li­en) oder über das Bild von Mas­ku­li­ni­tät in der Video-Instal­la­ti­on „Tangle Up“ von Vico Rosen­berg.

Beson­ders ein­drucks­voll ragt das Werk „Pep­pers Den“ des Ate­lier Van Lies­hout in den meter­ho­hen Raum hinein. Eigent­lich in der krea­ti­ven Oase Rui­go­ord nie­der­län­di­schen Ams­ter­dam behei­ma­tet, the­ma­ti­siert es die wirren Vor­be­rei­tun­gen eines Prep­pers in seinem Bunker. Detail­liert her­ge­rich­te­te Regale lassen mir einen Schau­er über den Rücken laufen. Dazu ras­seln im Minu­ten­takt Körner eine Sand­uhr hinab und ver­brei­ten so einen beklem­men­den Stress.

Denkanstöße über die Filter in den Sozialen Medien

Auf dem Weg zur großen Bühnen ver­hin­dern große opake PVC-Bahnen das Wei­ter­ge­hen. Sie gehö­ren zum Werk „Trans­ver­sal“ der spa­ni­schen Künst­le­rin Inma Feme­nia und sollen die ver­zerr­te Wahr­neh­mung durch die Sozia­len Netz­wer­ke dar­stel­len. Gleich dane­ben regt Frenz Höhne unter dem Titel „Bilder machen Leute“ mit qua­dra­ti­schen, leeren Lein­wän­den zum Nach­den­ken an. Kurze Texte beschrei­ben den Inhalt, wirk­lich sicht­bar ist nichts. Und alles wie­der­holt sich. Auch einige der Gründe, wes­halb ich vor einem Jahr Insta­gram, X und Co. ver­las­sen habe.

Wäh­rend ich noch über die schö­nen Social-Media-Jahre sin­nie­re, brin­gen mich meine Beine in einen klei­nen Neben­raum. Ein großer Altar mit unzäh­li­gen Bil­dern und Gegen­stän­den sorgt für Ver­wir­rung. Ema­nu­el Mathi­as zeigt mit der Instal­la­ti­on „Schwar­ze Zunge“ den Schrein eines fik­ti­ven Men­schen, der die Erde ver­lässt, nach­dem er sie kom­plett aus­ge­beu­tet und unbe­wohn­bar gemacht hat. Jedes Objekt lädt zum phi­lo­so­phie­ren, inwie­weit es in einem zwei­ten Leben von Bedeu­tung ist.

Die große Bühne des alten Schau­spiel­hau­ses gebührt der Alba­ne­rin Anna Ehren­stein mit „Tools for Con­vi­via­li­ty“ (Werk­zeu­ge für Gesel­lig­keit). Sie bespielt den opu­len­ten Raum mit einer großen Kol­lek­ti­on phy­si­scher und digi­ta­ler Objek­te, deren Ein­satz unser Zusam­men­le­ben bestim­men. Dabei hin­ter­fragt sie die Utopie von digi­ta­len Tech­no­lo­gien als neu­tra­les Werk­zeug. Schril­le Farben bestär­ken die sur­rea­len vir­tu­el­len Welten, die sie zeichnen.

Zwischen westlichem Datenhunger und ostdeutschen Trinkgewohnheiten

Durch den ver­wais­ten Zuschau­er­raum führen die Bege­hun­gen ins ehe­ma­li­ge Foyer. Dort sen­si­bi­li­siert Jiawen Uffline aus China in seinem Werk „Let yours­elf leak a little“ audio­vi­su­ell für die Daten­sam­mel­wut in den digi­ta­len Welten. Gesichts­merk­ma­le werden für Maschi­nel­les Lernen her­an­ge­zo­gen, Gesund­heits­da­ten mit Trai­nings­da­ten­sät­zen ver­knüpft. Schluss­end­lich altert die Soft­ware ebenso wie wir Men­schen, Daten­leaks ent­ste­hen. Eine unheim­li­che Utopie.

Nicht weni­ger span­nend kommt die Video­in­stal­la­ti­on „Spray and Pay“ von Veneta And­ro­va aus Bul­ga­ri­en daher. Die spe­ku­la­ti­ve Doku­men­ta­ti­on beleuch­tet „Mush­room-Web­sites“, die darauf aus­ge­legt sind, Des­in­for­ma­ti­on durch Wer­bung und algo­rith­mi­sche Ver­brei­tung zu mone­ta­ri­sie­ren. Im Fokus steht die Gender-Dis­kus­si­on und wie diese in poli­ti­schen als auch wirt­schaft­li­chen Wert umge­wan­delt werden kann.

Einen ähn­li­chen Ansatz wählt das Kol­lek­tiv um Hito Steyer (Japan), Giorgi Gago Gago­shid­ze (Geor­gi­en) und Miloš Tra­ki­lo­vić (Niederlande/Bulgarien) im Werk „Mis­si­on Accom­plished: Balan­cie­ge“. Das Pro­jekt unter­sucht, wie Daten­ana­ly­se-Metho­den aus der Mode­bran­che, inspi­riert von Marken wie Balen­cia­ga und Vete­ments, in poli­ti­sche Algo­rith­men und die geziel­te Wäh­ler­ma­ni­pu­la­ti­on in den sozia­len Medien einfließen.

Vorbei an Erwin Wurms über­di­men­sio­na­le, aus Ton geform­te Pis­to­le, die von einem Fahr­zeug über­fah­ren wurde, endet der Gang mit der „Klei­nen Bühne“. Dort the­ma­ti­siert die regio­na­le Künst­le­rin Jana Gunst­hei­mer in ihren Werken „Ver­ket­tung ungüns­ti­ger Umstän­de“ sowie „Rot­käpp­chen-Lounge“ ost­deut­sche Iden­ti­tä­ten und ein Stück weit Kulturerbe.

Am Ende steht der Mensch im Vordergrund

Im letz­ten Abschnitt der „Bege­hun­gen“, der ehe­ma­li­gen Gar­de­ro­be des Schau­spiel­hau­ses, stel­len drei Kunst­wer­ke Per­so­nen in den Vor­der­grund. Cindy Sher­man nimmt in einer aus­drucks­star­ken Foto­gra­fie das makel­lo­se Aus­se­hen und die iko­ni­sche, aber auch ver­wund­ba­re Posi­ti­on von Mari­lyn Monroe an. In Saša Tatićs „The Angle“ (Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na) werde ich als Gast durch eine Viel­zahl kon­ve­xer Spie­gel Teil des Kunst­werks. Im Zen­trum sym­bo­li­siert der Satz „I can’t force you to see in me what I would like you to see“, dass Per­spek­ti­ven ein­zig­ar­tig sind. Auch auf Menschen.

Neben Anna Sophia Barths „SAFESPACE“, in der Pavil­lons so gar keine Sicher­heit aus­strah­len, bildet Anna Bara­now­skis „Rei­ter­stand­bild“ den Abschluss der Bege­hun­gen durch das Schau­spiel­haus. Darin stellt sie die Frage nach dem Herr­scher Euro­pas im 21. Jahr­hun­dert: Ist die Poli­zei ein Teil davon und welche Rolle spie­len Macht sug­ge­rie­ren­de Uni­for­mie­run­gen? Fragen, die sich auch auf das Schau­spiel­haus über­tra­gen lassen. Wer ent­schei­det über dessen Daseins­be­rech­ti­gung und Zukunft? Die „Bege­hun­gen“ zeigen mir jedes Jahr aufs Neue wie wich­tig Kunst und Kultur für die hie­si­ge Gesell­schaft ist. Noch bis zum 05. Juli bieten Gebäu­de und Expo­na­te Inspiration.


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